Sonntagsspaziergang

Nachdem ich meinen ersten freien Sonntag in der Stadt verbracht hatte, habe ich mich vergangenen Sonntag dafür entschieden auf dem Land zu bleiben. Ich wollte die Gegend hier zu Fuß erkunden, nachdem ich nun bereits einige Wegestrecken (von der Lodge zum Camp, zur Stiftung, zum Wasserfall, zum Karendorf…) kannte.

Zunächst hatte ich mich aufs Ausschlafen gefreut, da der Wecker montags bis samstags um 7 Uhr klingelt – doch leider haben mich die Hunde bereits mit lautem Gebell und Getöse am Sonntagfrüh noch vor 7 Uhr geweckt. Mai pen rai (macht ja nichts!) – dann habe ich eben etwas vom Tag, schließlich möchte ich auch viel sehen. Als ich die  Flügeltüren zur Terrasse öffnete, konnte ich auch sehen, was kurz zuvor los war: Hunde-Kissenschlacht mit den Gartenpolstern. Wie gut, dass Seng (unser „Hausdrachen“ ;-)) heute frei hat und das nicht sieht! Als ich dann in die Küche gehe, um mir mein Frühstück zuzubereiten, schauen mich natürlich alle Doggies ganz unschuldig an, allen voran unser Franzl mit seinem Welpenblick – da kann man einfach nicht böse sein.

Ich lasse den Tag gemütlich angehen und sitze lange auf der Terrasse und genieße die Aussicht und die idyllische Ruhe. „Irgendwas ist immer“ eigentlich – doch heute ist es so ruhig und friedlich auf der White Lodge, dass ich froh bin, diesmal nicht in die Stadt gefahren zu sein.

Ich plane bergauf zu laufen, denn dort bin ich bereits oft entlang gefahren, vorbei an einem Tempel, den ich mir heute in Ruhe anschauen möchte. Es ist der Tempel „Mae Sapok“, eine kleine beschauliche Anlage. Bei weitem nicht so imposant und prachtvoll wie die Tempel in Chiang Mai – aber wir sind ja hier schließlich auf dem Land. Das Besondere an diesem Tempel ist, dass unsere Elefanten beim Bau der Gebetshalle  – die überwiegend aus Holz besteht – geholfen haben. Der Holzabbau ist in Thailand seit 1989 verboten, was auch der Grund ist, warum ca. 2.500 Arbeitselefanten von einem Tag auf den anderen arbeitslos geworden sind und nun in Touristencamps für ihr Einkommen sorgen müssen. Ein Elefant zu unterhalten ist ein teures Unterfangen, denn nicht nur die 200 kg Futter, die er täglich frisst, müssen bezahlt werden, sondern auch ein Mahout, der 24 Stunden für sein Tier sorgt. Daher müssen die Elefanten ihren Besitzern auch Geld einbringen. Leider ist das Geldverdienen oft an eine hohe Arbeitsbelastung des Elefanten gebunden. In einem klassischen Camp, in dem Touristen ca. 30 min. eine Runde in einem Korb reiten, von 8.00 bis 18.00 Uhr ist sehr anstrengend für den Elefanten. Bei uns „arbeiten“ die Elefanten morgens ca. 2 Stunden und nachmittags nochmal maximal 2 Stunden. Wobei „arbeiten“ bedeutet, dass wir sie zum baden bringen, mit ihnen Ausritte durch die Wälder oder durch den Fluss machen, und Holzschiebeübungen.

A propos: eigentlich war ich dort stehen geblieben: bei den Holzarbeiten. Viele unserer Elefanten haben früher jahrelang „im Holz“ gearbeitet, leider auch oft unter schwersten Bedingungen. Sie beherrschen allerdings die Kommandos des Holzschiebens („Or!) und Aufstaplens („Makut!“) noch einwandfrei. Bei den 3-Tages-Touren machen wir dies am letzten Tag mit unseren Gästen, da die Tradition aufrecht erhalten bleiben soll und die Elefanten auch gerne herausgefordert und beschäftigt werden möchten. Natürlich nur zwei kleine Baumstämme für jeweils zwei Elefanten, es soll ja eher spielerisch sein und ist nicht zu vergleichen mit den schweren Arbeiten, die damals von früh bis spät verrichtet wurden.

Jedenfalls war es eine große Ehre, als vor ein paar Jahren, die Anfrage an „Elephant Special Tours“ herangetragen wurde, ob unsere Elefanten beim Transport der Baumstämme helfen können. Die Regierung hat eine Sondergenehmigung zum Holzabbau erteilt und unsere Elefanten waren maßgeblich am Bau des Tempels beteiligt.

Ich spaziere durch die Tempelanlage und sehe einen Mönch bei der Gartenarbeit, der mich freundlich begrüßt. Ein weiterer -recht alter- Mönch winkt mich freudig zu sich und fragt mich, wo ich herkomme und was ich hier mache. Ich bin überrascht, denn normalerweise sollten Frauen Mönchen „aus dem Weg gehen“ um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Dieser ältere Herr freut sich scheinbar sehr über meinen Besuch und möchte ein wenig Plaudern. Ich erfahre, dass in dieser Anlage nur drei Mönche leben und nach kurzer Zeit habe ich alle drei gesehen. Mae Sapok ist kein touristischer Ort und der Tempel ist für die Dorfbewohner errichtet. Somit bin ich als Farang hier wahrscheinlich ein seltener Anblick. Als ich erkläre wo ich wohne und was ich hier mache lächelt er nur „ah Bodooo“ – meinen Chef, den Elefantenmann, kennt hier wirklich jeder!

Der nette Mönch erlaubt mir noch einige Fotos zu machen „take your time“- ich traue mich nur nicht ihn selbst zu fotografieren, obwohl er wahrscheinlich kein Problem damit gehabt hätte. Vielleicht traue ich mich bei meinem nächsten Besuch zu fragen, falls er wieder in Plauderstimmung ist, denn er ist wirklich ein niedlicher älterer Herr in dieser hübschen orange-braunen Mönchskutte – den würde ich euch eigentlich gerne mal zeigen.

Als nächstes führt mich mein Spaziergang zu einem weiteren Tempel und Meditationszentrum, dem „Wat Tan Doi Tone“. Am Eingang lese ich, dass Besuchern nur sonntags der Zutritt erlaubt ist – was für ein Glück! Eingebettet in eine wunderschöne Parklandschaft, gibt es auch hier eine Gebetshalle und auch einige Schlafunterkünfte. Heute habe ich erfahren, dass dieser Tempel einer der bedeutendsten in ganz Thailand ist (und das in unserem Dorf – stolz!) und das Meditationszentrum sehr bekannt ist. Hier lebt auch ein Mönch aus den USA, den habe ich neulich im Shop kurz kennengelernt, als er sich mit unserem Maler (zu ihm später mehr) unterhalten hat.

Ich spaziere durch die hübsch angelegte Parkanlage und stelle fest, dass auch Mönche ihre Wäsche sonntags waschen (hatte ich am Morgen auch bereits erledigt). Kurz darauf spricht mich erneut ein Mönch an, fragt wo ich herkomme, ob ich mit einer Gruppe hier bin und was ich mache. Und er fragt mich, ob ich die Höhle bereits gesehen habe. Hatte ich nicht, und bis dato wusste ich auch noch gar nichts von einer Höhle. Also weist er mir den Weg, der mich entlang eines gigantischen Bambuswaldes führt.

Ich laufe auf eine massive Felswand zu, und erst als ich kurz davor bin, stelle ich fest, dass es sich um eine riesige Schlucht inmitten der Felsen handelt, die von außen nicht einsehbar ist. Ich bin überwältigt von dem wunderschönen Anblick der Buddhastatuen inmitten der gigantischen Felsen. Eine freie  Fläche dient der Meditation und auch ich halte einige Zeit inne und bete für meine Lieben – und auch für die, die uns leider schon verlassen mussten (ich denk oft an dich, Opa!)

Auf dem Rückweg durch die Anlage lächle ich glückselig vor mich hin und werde abermals von einem Mönch angesprochen. Nach den obgliatorischen Fragen wer ich bin und wo ich herkomme empfiehlt er mir, den Wasserfall zu besuchen und erklärt mir den Weg. Prima, da wollte ich sowieso hin. Ich bedanke mich und bin begeistert, wie gesprächig die Mönche hier auf dem Dorf sind.

Also laufe ich noch gefühlte 2-3 km weiter durch den Wald, bis ich zuerst das Plätschern höre und dann das Schild entdecke: der Mae Wang Wasserfall. Es ist natürlich nicht derselbe Wasserfall, den wir immer mit unseren Gästen besuchen, da bin ich schließlich recht oft. Auch diesen Ort mag ich sofort. Das satte Grün vor dem strahlend blauen Himmel, das klare Wasser, was kraftvoll herunterplätschert und in einen kleinen Fluss mündet – herrlich. Nachdem ich mich ein wenig erfrischt habe, verweile ich auf einem großen Stein, der ideal zum Sonnenbaden geeignet ist. So kann man ihn genießen – den freien Tag. Zunächst ist noch ein Mann mit seinem kleinen Sohn dort, der vergnügt auf den Steinen herumspringt, später bin ich alleine und döse ein wenig in der Sonne.

Nachdem ich noch eine Weile am Fluss entlang gelaufen bin, mache ich mich auf den Heimweg. Ein kurzes Mittagessen bei der Orn (Suppenküche mit 2-3 wechselnden Thaigerichten), die Bodo als seine Schwester bezeichnet, weil sie ihn seit seiner Anfangszeit begleitet. Sie weiß direkt wer ich bin – im Dorf spricht sich das schnell rum! Das Essen war köstlich und hat 40 Baht gekostet (weniger als 1,- EUR), hier bekommt man noch was für sein Geld.

Am Nachmittag erreiche ich die Lodge und stelle fest, dass mein kleiner Spaziergang gut 10 km umfasst hat. Die Umgebung hier ist wunderschön und so ruhig und idyllisch – traumhaft. Nun stehe ich vor der schweren Entscheidung, ob ich den kommenden Sonntag hier oder in der Stadt verbringen möchte – beides hat seinen Reiz. Ich habe ja noch ein paar Tage um es mir zu überlegen…

Heute habe ich erstmalig unsere eintägige Tour vom Tong Bai Stiftungscamp begleitet, die Roger durchgeführt hat. Ich musste gut aufpassen und einiges mitschreiben, denn am Samstag werde ich diese Tour direkt alleine mit Gästen durchführen. Das bedeutet: Erklärungen was es mit der Stiftung auf sich hat, Aufklärung über den asiatischen Elefanten (im Vergleich zum afrikanischen) und über den Arbeitselefanten im Besonderen, die besondere Beziehung zwischen Mahout und Elefant, die Erläuterung des Elefantenhakens… u.v.m. Auf Englisch übrigens, aber: Mai pen rai… Und – eigentlich das wichtigste – natürlich die Vorstellung unserer Elefanten, das Kreis-Sitzen, und dann eine ausgiebige Tour (ohne reiten) zu einer Badestelle wo die Dickhäuter ausgiebig gebadet werden.  Da fällt mir auf: mein Eintrag neigt sich dem Ende und ich habe tatsächlich kein einziges Foto eines badenden Elefanten dabei. Wie konnte das passieren? Bzw. noch schlimmer: gar kein Elefantenfoto. Aber auch das entspricht der Realität: arbeitsfreier Tag heißt auch elefantenfreier Tag – schade eigentlich! Trotzdem war es ein toller Tag!

Bald gibt es wieder Elefanten und Bade-Fotos – versprochen. Und vielleicht übe ich an euch auch vor Samstag noch die Inhalte meiner Tour – denn zu all diesen Themen könnte – und möchte!- ich euch auch noch eine ganze Menge schreiben.

Doch jetzt ist mal wieder Schlafenszeit bei mir. Ich verabschiede mich mit dem nächtlichen Zirpen, dem Tapsen des kleinen Geckos an der Decke und dem süßlichen Geruch einer Baumfrucht, die nur nachts ihren Duft verströmt. Gute Nacht!

 

 

 

8 Gedanken zu “Sonntagsspaziergang

  1. Hallo Melanie, du hast wieder so toll und lebendig geschrieben, man hat das Gefühl das man mit dir
    gemeinsam unterwegs ist. Ich kann mir das so richtig vorstellen, wie du das alles so genießt. Du hast jeden
    Tag neue und sehr schöne Erlebnisse, die deinen Tag ausfüllen, dazu das herrliche Wetter – bei uns ist es
    derzeit regnerisch – die tolle Umgebung – Natur pur – schöner kanns nicht sein – wirklich beneidenswert –
    meine Liebe. Wir wünschen dir weiterhin eine schöne Zeit und ganz liebe Grüße und Kuss von uns beiden!!!

    Gefällt mir

  2. Liebe Melanie,
    es ist wunderbar wie Du über Land, Leute und Tiere schreibst.Nach jedem Deiner Berichte, ist man schon richtig neugierig auf Deine neuen Erlebnisse. Man spürt in jedem Deiner Worte wie sehr Du dieses Land magst.Liebe Grüße und weiterhin viel Freude :):)

    Gefällt mir

  3. Hallo lb. Melanie, du schreibst wieder so toll und lebendig, man hat das Gefühl gemeinsam mit dir unterwegs zu
    sein. Es ist schon faszinierend was du so alles erlebst. Jeden Tag neue interessante Begegnungen mit netten
    Leuten, das herrliche Wetter – bei ist es derzeit regnerisch – dazu die wunderschöne Umgebung – Natur pur – da
    kann man dich schon beneiden… wir wünschen dir weiterhin so viel Spaß bei deinen weiteren abenteuerlichen
    Unternehmungen. Laß dich ganz fest drücken von uns beiden!!!

    Gefällt mir

  4. Liebe Melanie, was für eine Heldenreise! Und Du weißt schon soviel Neues, danke, dass Du uns teilhaben lässt! Viel Glück für Deine erste selbstgeführte Tour! Das machst Du sicher toll! Habe eine gute Woche, und ich bleibe weiter gespannt auf Deine Eindrücke!

    Gefällt mir

  5. Hallo Melanie,
    da mein erster Kommentar nicht erschienen ist, habe ich einen zweiten Anlauf genommen und heute morgen
    sehe ich, das der andere doch gesendet wurde. Sorry !!! Scheint nicht immer auf Anhieb zu klappen, wie man auch bei anderen lesen kann. Machs gut!

    Gefällt mir

    1. Hallo Mama, das liegt daran, dass ich die Kommentare erst genehmigen muss, und das sehe ich oft erst am nächsten morgen, daher seid ihr verwirrt. Versuche bald einmal die Einstellungen zu ändern! 😘

      Gefällt mir

  6. Liebe Melanie,
    es ist so toll, deine Geschichten zu lesen. Ich kann fühlen, wie glücklich du bist und dass dir die Auszeit so gut tut. Jedes Mal, wenn ich deinen Blog lese, überkommt mich auch ein wenig Schwermut und ich sehe mich vor 20 Jahren (kaum zu fassen, dass das so lange her ist) mit meinem Rucksack durch Asien ziehen auf der Suche nach mir selbst. Ich erinnere mich genau, wie schlimm es damals für meine Eltern gewesen sein muss, mich im Urwald zu wissen und wochenlang nichts von mir zu hören. Wer hätte gedacht, dass sich die Welt einmal so verändern würde und es heute ( dank w.w.w.) möglich ist, ganz nah dabei zu sein. Insofern bin ich so unendlich dankbar, dass ich durch deinen Blog meine ehemalige Heldenreise noch einmal erleben darf….
    Ich freue mich auf neue Einträge und natürlich auf die Elefantenbilder, an denen auch ich mich nicht satt sehen kann….😘
    Alles Liebe und einen dicken Kuss aus der Heimat

    Gefällt mir

  7. Hallo liebe Melanie,
    wow einfach nur wow! Schön, dass du all das mit uns teilst. Schön wie du alles so bildlich beschreibst, irgendwie gibt mir das das Gefühl, dass du mich gerade durch die Gegend begleitest. Fühle mich so nah wenn ich das alles lese. 🙂
    Mach weiter so, wenn auch ich bisher nicht die Zeit hatte mal 2 Zeilen zu schreiben, mach bloß weiter so und nehm dir die Zeit und geb uns weiter Stoff zum Staunen!

    Allerliebste Grüße und einen elefantiösen Drücker, Dilek!!!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s